Sonntag, 10. Dezember 2006

Habilitiert sein schützt vor Torheit nicht

Die Geschichte beider ist recht bewegt: die der Zeitschrift „Tempo“ und die von Julian Nida-Rümelin. Die 1986 gegründete Zeitschrift brachte den "New Journalism" nach Deutschland und hielt zehn Jahre durch; deutlich länger als so manch anderes Medium das es sich auf den Lorbeeren der Innovativität gemütlich gemacht hat. Dies war zu großen Teilen sicher der teils chaotischen Kreativität des Chefredakteurs Markus Peichl geschuldet. Nida-Rümelin, habilitierter Philosoph mit Professur in München und seines Zeichens Staatsminister für Kultur und Medien a.D. ist ebenfalls als einer bekannt, der auch bei brisanten Themen nicht schweigt, das offene Wort nicht scheut. Ein Meinungsmacher.

Nun hat das Schicksal beide zusammengeführt, in Gestalt einer furiosen, einmaligen Tempo-Sonderausgabe. Und für dieses geschichtsträchtige Ereignis haben sich die Macher etwas ganz besonderes einfallen lassen. Sie dachten sich eine „Deutsche Nationalakademie“ aus, die sie auf einer stümperhaft gemachten, nahezu „hoax!“ schreienden Internetpräsenz (mittlerweile offline) darstellten. Einzige Kontakperson ist Prof. Dr. Wendelin Däubler, ein scheinbar sehr zurückhaltender Gelehrter, so zeigt eine Google-Suche keinerlei Verdienste des Professors. Kurzum: die Tempo-Kreativen haben geschwindelt, und das nicht mal gut. Dennoch scheint es erstaunlich, dass von 100 deutschen Prominenten die von der Akademie mit dem Angebot angeschrieben wurden, einen Ehrendoktortitel der neu gegründeten Institution verliehen zu bekommen, sofern sie sich nur mit ihren Zielen und Idealen identifizieren könnten satte 14 davon dieses Angebot dankend annahmen: Hit-Produzent Dieter Bohlen (52) war einer der ersten, ließ ausrichten, er würde "sehr gern an der Zeremonie teilnehmen". Auch Schauspieler Fritz Wepper (65) erklärte, er sei "überrascht und geehrt". Für die Verleihung wollte er sogar Dreharbeiten in der DomRep unterbrechen. Ihnen gleich taten es Udo Walz, Meinhard von Gerkan und andere Leuchten des Showbiz – und eben auch Julian Nida-Rümelin.

Möchte man an diesem Punkt schon Schadenfreude empfinden über die Gier nach Anerkennung, die diese besonders erlesene Gruppe prominenter Menschen es versäumen hat lassen die Quelle der ihnen erwiesenen Ehre wenigstens sporadisch auf ihre Glaubwürdigkeit hin untersucht zu haben, so bekommt dieses humoristische Element bei Lektüre der Zielsetzung der Nationalakademie einen bitteren Beigeschmack. Die Informationen der Homepage sind äußerst knapp gehalten, so knapp, dass selbst viel beschäftigte deutsche Prominente die Ausführungen kurz überfliegen können. Lesen würden sie dann folgendes: Eine Weltanschauung, die bestrebt ist, dem demokratischen Massengedanken eine klare Ablehnung entgegenzubringen und der Elite des Volkes zu neuer Geltung zu verhelfen, muss auch dafür Sorge tragen, dass den besten Köpfen im Alltag und in der Politik der höchste Einfluss zukommt. Damit baut die Deutsche Nationalakademie nicht auf dem Gedanken der Majorität, sondern auf dem der Persönlichkeit auf. Sie setzt sich dafür ein, dass die Besten zum Zuge kommen und nicht das Mittelmaß.

Man kann sicher nicht von jedem erwarten erkennen zu können, dass es sich bei dem ersten Satz um ein Zitat aus Adolf Hitlers „Mein Kampf“ handelt, dies ändert freilich aber wenig an den antidemokratischen Aussagen des unter dem Menupunkt „Grundsätze“ präsentierten Textes. Als ihre „Aufgabe und Bestimmung“ gibt die fiktive Institution zu Protokoll: Dabei strahlt die Denk- und Politikschule der Deutschen Nationalakademie schon jetzt weit über das klassische „nationale“ Lager hinaus und erhält geistige Zuarbeit aus allen Kreisen der Bevölkerung. […]Damit wird ein geistiges Fundament geschaffen, um die Nation zu stärken und dem Nationalgedanken zu neuer Geltung zu verhelfen. Weiter schreiben sie, ihr Schwerpunkt liegt auf dem Gebiet der Erforschung deutscher Geschichte, deutscher Kultur und deutscher Nationalökonomie, was die FAZ herrlich schnippisch mit den Worten "Dreimal deutsch, das hält besser" kommentiert. Kurzum: jeder hätte die nationalitisch-antidemokratische Färbung der „Deutschen Nationalakademie“ erkennen können, was einige schließlich auch taten: mit Erleichterung liest man, wie wachsam einige - Ingo Schulze, Christoph Stölzl, Ulrich Wickert und Jürgen von der Lippe - den ganzen Elite- und Nationalsumms erkannt haben und mit deutlichen Worten ablehnen. So auch Christoph Stölzl, seines Zeichens CDU Kulturexperte fortgeschrittenen Alters. Dieser antwortete den Initiatoren in höflichem aber dennoch bestimmtem Tonfall: "Da ich mich aus dem vertrauten Haus unseres Grundgesetzes nicht fortbegeben möchte, bitte ich Sie, von der angedachten, mir durchaus zweifelhaften Ehre einer Dr. h.c.-Würdigung abzusehen."

Nun sollte man eigentlich gerade von einem Akademiker der einen Ehrendoktortitel zwar nicht nötig, dafür aber umso mehr einen bereits erarbeiteten Ruf zu verlieren hat größere Sorgfalt und Routine im Umgang mit dubiosen Anfragen und Angeboten erwarten können. Diese Gewissenhaftigkeit bewies Rümelin im Falle der "Deutschen Nationalakademie" allemal: er verfasste ein höfliches Antwortschreiben und legte einen Essay bei: „Sehr geehrter Herr Professor Däubler“ beginnt der Brief, in dem er sich für die große Ehre bedankt, die er annimmt, „da ich die Ziele und das Programm der Deutschen Nationalakademie ohne jeden Vorbehalt unterstützen kann.“ Beigelegt ist ein siebzehnseitiger Essay über die „normativen Bedingungen der Macht“. Nun könnte man ihm zugute halten, dass er vielleicht doch einfach zu schlampig gewesen sein könnte, um die braunen Versatzstücke in den Texten der selbsternannten Akademie erkennen zu können, hätten wir in der Vergangenheit nicht schon deutlich Schlimmeres aus den Federn der deutschen Intelligenz lesen müssen, z.B. das "Manifest der 25". Die FAZ jedenfalls ist sich sicher - wenn auch ohne weitere Begründung: Nida-Rümelin ist natürlich kein Deutschnationaler. Und auch der Spiegel möchte den Schritt nicht wagen, in der für die Promis recht peinlichen Aktion eben auch eines zu sehen: eine Indiz für die Normalisierung nationalistischer Töne, oder zumindest eine deutliche Ignoranz ihnen gegenüber: Ob es allerdings genug Stoff für die typisch steile "Tempo"-These vom neuen Nationalismus in Gestalt eines elitären "PR-Patriotismus" bietet, ist sehr zweifelhaft. Wer hätte auch etwas anderes erwartet...

Nein, Nida-Rümelin ist wahrlich kein deutschnationaler Extremist, sondern liegt einfach nur im guten deutschen Mittelfeld. Und das erkannte auch schon der Spiegel, wenn auch mit dem unter Gesichtspunkten der Logik höchst fragwürdigen Titel Rechtsextremismus in der Mitte angekommen. Grund für diese plötzliche Erkenntnis war die Studie Vom Rand zur Mitte der Friedrich-Ebert-Stiftung. Gedanken, wie die der "Deutschen Nationalakademie" sind schon längst zur bitteren Realität geworden, beziehungsweise lässt diese die Satire zum Teil reichlich blass aussehen: 15% der befragten Deutschen wünschen sich eine starke Führerfigur zurück, die das Land regieren soll; ebensoviele denken, Deutsche seien anderen Völkern von Natur aus überlegen und fast 40% sehen keinen Hinderungsgrund für die Etabliereung eines starken deutschen Nationalgefühls. So weit sind viele hier scheinbar gar nicht davon entfernt sich "eine Weltanschauung, die bestrebt ist, dem demokratischen Massengedanken eine klare Ablehnung entgegenzubringen und der Elite des Volkes zu neuer Geltung zu verhelfen" herbeizuwünschen.

Samstag, 9. Dezember 2006

Yusuf Islam – Man of Peace

Unter dem Namen Cat Stevens hatte er sich durch Titel wie „Father and Son“ und „Morning has broken“ seinen Ruf als weinerlicher Schnulzenbarde redlich verdient. Er war einer der ganz Großen in der Songwriter-Szene. Doch dann kam die Wende im Leben des Musikers: es war 1975, und Stevens wurde beim Planschen im Meer vor Malibu in den weiten Ozean hinausgetrieben. Kraftlos und erschöpft sandte er ein Stoßgebet – oder besser: ein Angebot für einen Deal - gen Himmel: Rettung gegen lebenslängliche Unterwerfung unter Gottes Willen. Die rettende Welle kam, spülte ihn wieder an Land und schwupps – Allahu Akhbar! – wurde aus dem Londoner Musiker Cat Stevens der Londoner Muslim Yusuf Islam.

So weit, so gut möchte man meinen; jedem Tierchen sein Pläsierchen, und sei es ein religiöses Erweckungserlebnis. Manch ein Fan des nun verstorbenen Stevens mag dies freilich als deutlich belastenderes Element für sein instabiles Seelchen erlebt haben, schließlich gab es von nun an keine neuen Stücke des vom Künstler zum Gläubigen mutierten mehr denn das Spielen westlicher Instrumente passe nicht zu seiner religiösen Einstellung. Jetzt hat er es sich doch noch einmal anders überlegt und das Album „An Other Cup“ vorgelegt, nach 28 Jahren der Abstinenz von Instrumenten westlichl-dekadenter Art. Beinahe drei Jahrzehnte, dabei war die Lösung des Problems doch so simpel: “Ich kam erst vor kurzer Zeit zu einer Entscheidung bezüglich des Gebrauchs von Musikinstrumenten. Ob es erlaubt ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich voller Zweifel. [...] Und ich glaube, ich habe eine Antwort erhalten, die sehr einfach ist: Alles, was Gutes bewirkt, ist gut, und was Schlechtes bewirkt, ist schlecht.“

Ein solchermaßen tragisch vereinfachtes Weltbild lässt nur selten Gutes erwarten: Bestenfalls Belustigendes, schlimmstenfalls Gefährliches. Aber kann man einem Mann der Lieder wie „Peace Train“ gesungen hat, Träger des "Man for Peace Award" ist und sich in Hilfsprojekten unter dem Dach der Vereinten Nationen im Kosovo, im Irak, aber auch in seiner Heimatstadt London engagiert wirklich Böses unterstellen? Unser Volks-Thommi, Thomas Gottschalk scheint sich jedenfalls sicher zu sein und begrüßt Yusuf als Gast in der Sendung „Wetten, dass…“ am Samstag, nur zwei Tage bevor dieser neben Lionel Richie und Simply Red bei der Verleihung des Friedensnobelpreises auftreten wird, um unter anderen seinen alten Hit „Peace Train“ zum Besten zu geben, vermutlich in Gewohnt winselnder Manier. Yusuf Islam – A Man of Peace. Eindeutig.

Oder? In der New York Sun jedenfalls wird die Ehrerbietung des Nobelpreiskomittees an die Adresse Islams im Beitrag „Sending a Grim Message“ von Bruce Bawer folgendermaßen kommentiert: This is, after all, a man who's been denied entry into America and expelled from Israel. After the publication of the fatwa against Salman Rushdie, he was quoted in the New York Times as saying that if Mr. Rushdie came to his door for help, "I might ring somebody who might do more damage to him than he would like. I'd try to phone the Ayatollah Khomeini and tell him exactly where this man is."

Im September 2004 wurde ein Flug von London mit Ziel Washington aus Sicherheitsgründen nach Maine umgelenkt. Grund für die Maßnahme war die Vermutung, ein Terrorverdächtiger würde sich an Bord des Flugzeugs befinden. Diesem wurde schließlich nach einem Verhör die Einreise in die USA aus Sicherheitsgründen verweigert. Sein Name: Yusuf Islam. Dieser dementierte natürlich umgehend: es habe sich um eine Verwechslung gehandelt und nun hätten die US-Behörden nicht den Mumm sich diesen Fehler einzugestehen. Bereits im Jahr 2000 wurde Yusuf Islam die Einreise nach Israel verweigert: The man who gained fame as pop star Cat Stevens was denied entry into Israel and deported hours after arriving, officials said Thursday - reportedly because he gave money to a militant Islamic group during his last visit. [...] Islam, 51, who changed his name after becoming a Muslim in the late 1970s, last visited Israel in 1988. The government claims that during that trip he delivered tens of thousand of dollars to Hamas, a militant Islamic group. Er versuchte bereits zehn Jahre zuvor, 1990, nach Israel einzureisen. Auch damals schon wurde er wieder zurück geschickt.

Und nicht nur der finanziellen Unterstützung durch Yusuf Islam konnten sich diverse islamistische Gruppen bisher immer sicher sein, sondern auch ideologischer Rückendeckung . So verfasste der Singer-Songwriter a.D. unter anderem ein feuriges Pamphlet für die Islamic Association for Palestine (IAP). Die IAP wird von US-Behörden als, mit Al-Quaida-Kontakten ausgestattete Tarnadresse der Hamas angesehen und ist bisher nicht nur durch ihre illustre Liste islamistischer Persönlichkeiten in ihren Rängen, sondern auch durch ihren Antisemitismus aufgefallen. Da wollte sich Islam natürlich nicht lumpen lassen und machte seinen Zuhörern den Mel Gibson: "The Jews seem neither to respect God nor his creation. Their own holy books contain the curse of God brought upon them by their prophets on account of their disobedience to Him and mischief in the earth. We have seen the disrespect for religion displayed by those who consider themselves to be 'God's chosen people.' [...] There will be no justice until all the land is given back to its rightful owners [...] Only Islam can bring peace back to the Holy Land"

Und wie seine Vorstellungen vom Heiligen Land aussehen, davon kann sich ein Bild machen wer die Homepage einer jener „Hilfsorganisationen“ besucht, für deren Engagement Islam als federführender Kopf für seine humanitären Hilfsmaßnahmen zum Ehrendoktor der Universität von Gloucestershire ernannt wurde. Auf einer „Crisis Map“ der Organisation „Small Kindness“ sind die in den Augen der Verfasser scheinbar besonders bedeutenden Konfliktherde der Welt aufgeführt. Die Analyse der Karte macht schon etwas stutzig, es stellt sich gar unweigerlich ein Gefühl der Verwunderung ein: Der Staat Israel fehlt komplett, stattdessen findet man zwischen dem Libanon und Jordanien den Staat mit dem Namen „Holyland“ als neuen Akteur in der Region. So sieht es also aus, wenn Antisemiten träumen.

Und dass Yusuf Islam ein ebensolcher ist hatte er uns schon lange vor diesen Vorfällen bewiesen. Bereits 1995 hatte er bei einer Versammlung der Islamic Society of North America (ISNA) eine Brandrede gehalten, in der er den Juden unter anderem vorwarf: “The Jews would have us believe that God has this bias to this little small tribe in the Middle of the Sinai desert and all the rest of humanity is just rubbish. I mean that this is the basic doctrine of the Jewish religion and that's why it is a most racist religion." Aber nicht nur als Einpeitscher und durch eigene finanzielle Unterstützung, sondern auch als Fund-Raiser hat Islam sich mit seinem- am besten judenfreien - Peace Train profiliert. 1998 hält er bei einer Veranstaltung des Jerusalem Fund einen Vortrag über Israel und die Situation im Nahen Osten. Nach kanadischen und israelischen Geheimdienstinformationen ist der Jerusalem Fund als Geldbeschaffer für die terroristische Hamas einzuschätzen. Dementsprechend ließ Yusuf Islam die Gelegenheit auch nicht ungenutzt einmal mehr ungestört über Israel vom Leder zu ziehen: in 1998, the singer Yusuf Islam , formerly known as Cat Stevens , “was the guest of honour at a Toronto fundraising dinner hosted by an organization that has since been identified by the Canadian government as a ‘front' for the Palestinian terrorist group Hamas. In a videotape of the 1998 event obtained by the National Post, Mr. Islam describes Israel as a ‘so-called new society' created by a ‘so-called religion'.

Yusuf Islam - Mann des Friedens? Kommt darauf an, welche Anforderungen man an "Frieden" stellt. Angesichts reichlich merkwürdiger Allianzen scheint er genau dazu - zumindest in Deutschland - zu taugen. Der kurze Weg von der Hamas zu "Wetten, dass...". Difficile est saturarum non scribere.